OPERNNETZ

Maurice Ravels Das Kind und der Zauberspuk an der Komischen Oper Berlin.

Ein Kind ist ungezogen. Es will seine Hausaufgaben nicht machen. Es wird bestraft, muss in seinem Zimmer bleiben. Es zerstört die Uhr, den Stuhl, die Kaffeekanne, zerreißt sein Märchenbuch. Es schläft ein. Da werden die zerstörten Dinge lebendig und klagen. Aus dem zerrissenen Märchenbuch steigt die Prinzessin und trauert, weil sie niemals erfahren wird, wie sich ihr Schicksal wendet. Zahlen springen aus dem Mathematikbuch, ein magischer Garten öffnet sich. "Wie schön es hier ist", entfährt dem Kind. Doch der Baum, dessen Rinde es verletzt hat, die Tiere, die es gequält hat, klagen es an. Es kommt zu überspringender Aggression, in deren Verlauf ein Eichhörnchen so verletzt wird, dass das zunehmend entsetzte, albträumende Kind ihm gegen seine Angst mitleidig beispringt und es versorgt. Das versöhnt die nächtlichen Wesen. Sie rufen die Mutter, und das Kind erwacht.

Als eine weitere Inszenierung für Kinder hat die Komische Oper Berlin die niederländische Regisseurin Jetske Mijnssen, die für das Haus bereits zwei andere Kinderopern mit ziemlich glücklicher Hand in Szene gesetzt hat, nunmehr Ravels Kinderoper inszenieren lassen. Das von einer schwarzen Pädagogik, wie wir sie etwa aus dem rund achtzig Jahre früher entstandenen Struwwlpeter kennen, nicht ganz freie Libretto hat Colette geschrieben; die Pädagogik allerdings durch einerseits die Traumstruktur des Stückes deutlich gemildert, andererseits durch das Happyend. Das Albtraumhafte unterstreicht Mijnssens Inszenierung vermittels der durchaus an Michael Endes Herren in Grau erinnernden Figuren, die die Rollen der Dinge und Nachttiere übernehmen. Wozu sie jeweils Symbole tragen (Uhrenzeiger) oder nur einzelne Accessoires wie Schnauzhaare und Krallenhand für die Katzen. Ganz deutlich wird Abstand genommen von einer naturalistischen Sicht auf die Geschehen, was einerseits die Fantasieleistung der jungen Zuschauer kitzelt, sie andererseits aber ausschließt, weil sich textlich dem einzelnen Geschehen nicht immer sofort folgen lässt. Hinzukommt, dass eine Oper als die auf ersten Blick künstlichste aller Kunstformen ohnedies schon Kunstwillen voraussetzt, also den Impuls, sich auf etwas derartiges überhaupt einzulassen.

Ravels synkretistisch elegante, vor Anspielungsreichtum auf die Stile seiner Zeit berstende Musik macht es den Kindern dabei nicht einfacher; um so größer ist allerdings ihr Reiz für Erwachsene. Den lässt der neue Musikchef des Hauses, Kimbo Ishii-Eto, man kann sagen: schwelgerisch umsetzen; da war ein enorm schöner, zumal perfekter Klang in der Komischen Oper und scheute, ganz in Ravels Sinn, auch Anklänge ans Musical nicht. Nur eben, dass Kindern, um das verstehen zu können, die musikalische Erfahrung fehlt, geschweige dass sie die Möglichkeit hätten, Gehörtes historisch einzuordnen. Es schadet vor einem Besuch dieser an sich herrlichen Aufführung deshalb nicht, die jungen Operngänger ein wenig vorzubereiten.

Tatsächlich ist das bewusst verschmiert-Tonale, das so manche Musik nach dem fin de siècle grundiert und das immer schon etwas vom kommenden Katastrophischen hat, sehr geeignet, Albtraumsituationen zu malen. Sie verströmt ein, ich möchte sagen, weiches Unbehagen, das letztlich allein ihre Phantastik davor schützt, ins Depressive zu kippen. Dass aber Angstlust eine Erscheinung im Erwachsenenleben ist, die Kinder eventuell so noch nicht vorempfinden können, gehört in das Feld, das ich mit dem Begriff der schwarzen Pädagogik angedeutet habe.

Aufgehoben wird das, harmonisiert, durch die liebevolle Ausgestaltung des Bühnenbilds, das dem Traumhaften bis in die magische Drehscheibe entspricht, auf der einiges Geschehen stattfindet und die geradezu unversehens zu einem riesigen Mond hochgezogen wird - wovon die Gartenszene eingeleitet ist, die schließlich in Mitleid und Erlösung hinüberführt - und in eine der ergreifendsten Anrufungen einer Mama, die ich je im Leben, geschweige auf einer Bühne gehört habe. Und aufgehoben wird es durch die spürbare Spielfreude der Akteure, die bisweilen etwas Dämonisches bekommt.

Wer diese Inszenierung mit seinen Kindern sah, sollte ganz unbedingt ein zweites Mal mit ihnen hineingehen und zwischendurch mit ihnen intensiv über das Stück gesprochen haben; es sind nämlich gerade seine Tücken, die es wie kein zweites geeignet machen, die Liebe und Leidenschaft zur Oper zu wecken - es ist immer die Ambivalenz. Und kein zweites Stück Kinderoper blieb mir bislang so im Ohr. Alban Nikolai Herbst

Musik 4 Punkte
Gesang 4 Punkte
Regie 4 Punkte
Bühne 4 Punkte
Publikum 4 Punkte
Chat 5 Punkte