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Musicalamerica.com: "Populating a stage where not only a few bipeds but also animals and even ordinarily inanimate objects come to life presents evident difficulties, and I want to make clear that I intend it as praise when I say that Jetske Mijnnsen's production disappoints me less than most of the few others I’ve ever managed to attend. This young Dutch director, who got her Magister Degree at the University of Amsterdam only 12 years ago, has taken considerable liberty with Ravel’s punctilious score, but all in all does indeed work, especially with that sublimly imaginative music suavely performed by the Komische Oper’s fine orchestra under Kombo Ishii-Eto’s felicitous baton." (25 October 2007, Paul Moor)


Komische Oper: "Das Kind und der Zauberspuk"

Lyrische Phantasie in zwei Teilen von Maurice Ravel

Ein Kind weigert sich, Schularbeiten zu machen. Kriegt stattdessen einen Wutanfall, zerdeppert Geschirr. Worauf die Dinge zum Leben erwachen und das Kind in den Sog seiner eigenen Fantasiewelt ziehen. Die Fledermaus singt. Die Teekanne seufzt. L'Enfant et les Sortilèges nach der Vorlage von Colette ist ein sentimentales und erwachsen wirkendes Stück, in dem die Autorin sich ihrer eigenen, einsamen Kindheit zu erinnern scheint. Man kann die geschlossene Welt dieses Bilderbogens nur anstaunen. Ensprechend ruhig und konzentriert blieb es unter den Kindern und jugendlichen Besuchern der Premiere im Parkett.

Jetske Mijnssen inszeniert den Einstünder mit allem Licht- und Budenzauber des großen Theaters. Ein kleines Bett steht auf einer großen Himmelsscheibe. Darunter kriechen die Dämonen hervor, bevor sich die Fläche aufrichtet und zum Mond wandelt. Eine Phantasmagorie der Katzen, Frösche und Teetassen gleicht optisch ein wenig dem König der Löwen - nur in Blau. Die Oper vertraut ihrer eigenen Bildkraft - und spricht die Kinder (ab 8) ganz als Erwachsene an.

Ravel wollte das Stück im Geiste der amerikanischen Operette vertonen - und hat sich (wie diese) damit nicht wirklich durchsetzen können. Stattdessen ist das Ensemblestück, das sonst oft akademisch wirkt, beim Ensemble der Komischen Oper (unter Anführung von Elisabeth Starzinger als Kind) goldrichtig aufgehoben.

Weil die Kinderoper hier direkt in der Dramaturgie beheimatet ist (und nicht als Stiefmütterchen-Annex irgendwo in der Verwaltung), gelingen hier immer wieder ambionierte Kinderprojekte, die im Repertoire weitergespielt werden. In diesem Fall harmoniert die Aufführung sogar mit der optischen Handschrift des Hauses - und sieht fast aus wie eine Inszenierung des Hausherrn Andreas Homoki.
Kai Luehrs-Kaiser, Kulturradio am Morgen

Bewertung: *****


Auch die Katze hat 'ne Glatze

Für Kinder ab acht Jahren: "Das Kind und der Zauberspuk" von Maurice Ravel an der Komischen Oper

24.10.2007 Berliner Zeitung - Feuilleton - Seite 27

Jan Brachmann

Es dunkelt im Saal. Publikumsgetuschel der Kinder: "Du kriegst jetzt den Gute-Nacht-Kuss". - "Nein. Den Jetzt-geht-die-Oper-los-Kuss". Verschnuffeltes Lachen. Das Orchester im Graben stimmt die Instrumente. "Oh ja, das ist das Zeichen." In der Komischen Oper beginnt "Das Kind und der Zauberspuk" von Maurice Ravel. Sonntag war Premiere. Die Inszenierung von Jetske Mijnssen wendet sich an Kinder ab einem Alter von acht Jahren, und ob diese Produktion gelungen ist, muss sich am Kinderpublikum selbst erweisen. Sonntag herrschte jedenfalls die ganze Stunde lang konzentrierte Ruhe im Saal, trotz sehr begrenzter Textverständlichkeit. Nur am Anfang wirkte das Theater auf einen allzu jungen Gast stärker als erwartet. Die Hauptperson des Stücks - ein Kind mit Struwwelpeterfrisur und Latzhose (weich und freundlich gesungen von Elisabeth Starzinger) - rastet aus: macht Stühle kaputt, reißt die Zeiger aus der Uhr, haut die Teekanne in Scherben. Entsetzt schrie ein etwa dreijähriges Kind im Publikum auf, fing laut an zu weinen und musste hinausgetragen werden, weil es in seinem Kummer über die kaputten Dinge nicht zu trösten war. Die Geschichte dieser 1924 von Ravel und seiner Dichterin Colette vollendeten Kurzoper für Kinder ist oberflächlich betrachtet einfach: Ein Kind will seine Hausaufgaben nicht machen und bekommt von seiner Mama Stubenarrest. Es will "frei und böse" sein und verwüstet sein Zimmer. Da beleben sich die Dinge und reden: Sessel, Teekanne und Teetasse, das Kaminfeuer. Die Tapetenfiguren gewinnen Sprache und Leben, die Prinzessin aus dem Märchenbuch, das Zahlenmännchen aus dem Mathematikbuch. Es wird Nacht. Im Garten melden sich Katze, Frosch, Libelle und Eichhörnchen. Das Kind bekommt Angst und ruft nach der Mama. Der Traum ist aus. Mirella Weingarten, für Bühne und Kostüme verantwortlich, gönnt den Kindern - ob aus finanziellen oder konzeptionellen Gründen - keine singenden Möbel. Glatzköpfige, blassblaue Grottenolme singen und tragen dabei ihre Gegenstände als Andeutung vor sich her. Das sieht nach theaterpädagogischem Seminar aus: Schaut, man muss den Darsteller von seiner Rolle trennen lernen. Aber es funktioniert. Die Kinder begreifen alles. (Wer kann denn in dem Alter nicht ein Pferd aus einem Kantholz herausfantasieren?) Die Tiere tragen ihre Gestalt wenigstens als Andeutung am Körper: Flügel die Libelle, Riesenschnurrhaare Kater und Katze. Doch eine Glatze haben sie alle. Es gelingen stimmungsvolle, teils bedrückende Bilder, wenn diese Glatzen (der Ernst-Senff-Chor) das Kind in Scharen umlagern oder wenn der runde Zimmerboden aufgestellt und zum Mond wird. Im Orchester, geleitet von Kimbo Ishii-Eto, fallen besonders die schönen Bläserleistungen auf: das Oboenduett am Anfang, die Soloflöte bei der Begleitung der Prinzessin. Das delikate, hohe Säuseln der Kontrabässe hätte mehr Hörbarkeit verdient. Sängerisch ragt aus dem sehr großen Ensemble besonders Victoria Joyce als Feuer, Prinzessin und Nachtigall heraus. Man staunt, wie es ihr als Koloratursopranistin in dem Fach mit der schwierigsten Textverständlichkeit am besten von allen gelingt, sprachlich deutlich zu singen. Das kindliche Publikum ist gefesselt und auf rätselhafte Weise verstört von diesem Stück. Der Erwachsene kann es - eins der tiefsinnigsten und zartesten aus 400 Jahren Oper - nur bewundern. Es sagt uns, dass wir von Kind an Bestien sind und nur durch Kultur und Erziehung gut werden. Und Gutwerden heißt: werden wie die Tiere.


Traum was boeses.

Er hat die Bäume im Garten mit dem Taschenmesser verletzt, die Katze am Schwanz gezogen, Libellen aufgespießt, eine Fledermaus erlegt, die Teekanne hingeschmissen, Stühle zerbrochen und der Uhr die Zeiger ausgerissen. Die Mutter aber interessiert sich nur dafür, ob die Hausaufgaben gemacht sind. Sind sie nicht - dafür gibt's Stubenarrest. Die Gelegenheit für Fauna, Flora und Interieur, sich an dem zerstörungswütigen Jungen zu rächen und den kleinen cholerischen Kerl in die Enge zu treiben.

In ihrem Einakter "Das Kind und der Zauberspuk" von 1925 verarbeiten der Komponist Maurice Ravel und seine Librettistin Colette Traumata der eigenen Jugend. Alles um den Siebenjährigen wird plötzlich lebendig, Tiere, Pflanzen, ja selbst die Möbelstücke beginnen zu singen. Doch der Titelheld findet sich nicht im Märchenland wieder, im Gegenteil: Seine Umgebung setzt ihm zu, bis er schließlich verzweifelt nach seiner Mama ruft. Mit ihrem rettenden Auftritt verklingt das einstündige Stück pianissimo. Alles nur ein böser Traum.

Für die Neuinszenierung dieser "fantaisie lyrique" an der Komischen Oper hat Mirella Weingarten einen magischen Bühnenraum entworfen. Wenn sich der bunt bemalte Vorhang hebt, sieht man - vor nachtblauem Rundhorizont - eine leicht nach vorn geneigte, kreisrunde Spielfläche, die bald wie von Geisterhand entschwebt und zum milchig leuchtenden Vollmond wird. Rätselhafte Gestalten umschwirren das Kind in roten Latzhosen (Elisabeth Starzinger), kahlköpfige Wesen, die in ihren weißgrauen Ganzkörperanzügen gleichzeitig elegant-elfenhaft und bedrohlich wirken und nur anhand dezenter Accessoires als Frosch oder Sitzmöbel, Kaminfeuer oder Nachtigall zu erkennen sind.

Von der holländischen Regisseurin Jetske Mijnssen zartfühlend bewegt, huscht das Solistenensemble der Komischen Oper über die Szene, Caren van Oijen und Peter Renz, Victoria Joyce und Herman Wallén, Carsten Sabrowski, Karen Rettinghaus und Vanessa Barkowski, Karolina Andersson, Herdis Jonasdottir und Stefanie Weiner, verstärkt durch Sängerinnen und Sänger des Ernst Senff Chores. In jeder Saison auf der großen Bühne eine Kinderproduktion herauszubringen, gehört zu den erklärten Zielen von Intendant Andreas Homoki. Ein konsequentes Werben um die Zuschauer der Zukunft, das über all dem Medienwirbel um die hier regelmäßig auftrumpfenden Skandalregisseure leicht übersehen wird - und doch auch einen guten Anteil daran hat, dass Homokis Haus von der Fachzeitschrift "Opernwelt" zum "Opernhaus des Jahres" gekürt wurde.

So spukhaft-spannungsreich hier auch gespielt wird, so engagiert Kimbo IshiiEto sich mit dem groß besetzten Orchester um durchsichtiges französisches Klangkolorit bemüht, ein Restressentiment bleibt: Ist Ravels Oper überhaupt "für Kinder ab acht" geeignet, wie die Musiktheatermacher von der Behrenstraße empfehlen? Wenn es Lesedramen gibt, Stücke, die vom Autor weniger für die Bühne als vielmehr für die häusliche Lektüre gedacht sind, ist dann "Das Kind und der Zauberspuk" eine Höroper? Ein Stück, das man besser konzertant genießt, ja, bei dem wegen der teils doch recht spröden Gesangslinien vielleicht sogar die instrumentale Seite das Interessanteste ist, dank feinen Art-Déco-Raffinement in der Orchestbehandlung? War Ravel womöglich gar ein zweitklassiger Opernkomponist?

Kinder sind da toleranter. "Ich finde", sagt das Mädchen vom Nebensitz beim Hinausgehen, zu seiner Mutter gewandt, "das war jetzt aber ziemlich kurz."

Frederik Hanssen
Wieder am 24., 28., 29. Oktober, 4., 5., 18. November sowie 6. und 17. Dezember.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 23.10.2007)